Archiv der Kategorie: Pflegefall Deutsch

Doppelt gemoppelt – schlechtes Deutsch

Brauchen

Viele wissen es nicht. Einst wusste ich es auch nicht. Aber immer noch befände ich mich in der illustren Gesellschaft zahlreicher professioneller Journalisten, Radio- und TV-Moderatoren, die es immer noch nicht wissen.

Vor ungefähr 40 Jahren wurde ich von einer „potentiellen ehemaligen Verlobten“ (da ist zum Glück nichts draus geworden) aufgeklärt, wie man manche Wörter in welchem Zusammenhang richtig gebraucht. Diese Aufklärung hat gewirkt. So etwas verlernt man nie mehr.

Es ging um den richtigen Gebrauch des Tätigkeitswortes „brauchen“. Ich hatte mich immer in der Art ausgedrückt: „Ich brauche nicht schreiben / gehen / …“. Das kam auf das Gleiche heraus, als ob ein Engländer sagen würde: „Be or not be, that is the question.“ Wer ein paar Shakespeare-Kenntnisse hat, weiß wie das Zitat richtig lautet.

Gutes Deutsch geht so: „Ich brauche nicht zu schreiben / zu gehen / zu …“. Alles andere klingt nicht gut. Auch wenn es laut Duden kein Fehler ist, das „zu“ wegzulassen. Und wie merkt man sich das dauerhaft? Ganz einfach, mit einem prägnanten Merksatz. Und der lautet:

Wer „brauchen“ gebraucht, ohne „zu“ zu gebrauchen, braucht „brauchen“ überhaupt nicht zu gebrauchen.

Addieren

Vor wenigen Tagen ging [es ist unwesentlich, wo] eine erbetene Information über die Betätigungskraft von Klemmen ein. Das sind die kleinen Dinger auf manchen Leiterplatten, an denen man Drähte anschließen kann. Die Drähte werden dabei eingeklemmt, deshalb der Name „Klemme“. Soviel für elektrotechnisch nicht vorbelastete Leser.

Kern der Information sind diese Sätze: „Wir haben die Betätigungskräfte in unserem Labor geprüft und das Ergebnis ergab :-), dass für die Serie […] eine mittlere Drückerbetätigungskraft von 21 N [Newton] für das vollständige Öffnen notwendig ist. Zu der mittleren Drückerbetätigungskraft wurde eine Sicherheitsreserve von 50 N hinzuaddiert und ebenfalls geprüft.“

Der erste Satz ist natürlich viel zu lang – na ja, wem ist das noch nie passiert. Aber für den informierenden Produktmanager wäre es schon besser gewesen, zu seinen vorhandenen Kenntnissen im Fach Deutsch weitere hinzu zu fügen oder einfach zu addieren. Doch „hinzuaddiert“ klingt ja viel, viel schlauer.

Den Klemmen auf ihrem hohen technischen Stand ist das egal. Sie sind über alle Sprachprobleme erhaben und tun einfach ihren Dienst.

Der gerade Winkel

Lustig, so eine Sonntagszeitung! Zumindest die „Sonntag Aktuell“ vom 10. Juli 2011. Auf Seite 16 steht eine elfzeilige DPA-Meldung mit dem Titel „HDMI-Kontakte schonen“. Man findet sie in unterschiedlichen Versionen, mit verschiedenen Überschriften und verschieden lang auch im Internet, zum Beispiel hier.

Die Essenz ist der Satz (Zitat): „Beim Ein- und Ausstecken sollte man den Stecker sorgfältig in einem geraden Winkel in die Buchse einführen.“ Komisch, warum in einem Winkel? Ich stecke solche Stecker immer senkrecht in die passende Buchse. Dabei bilden die Längsachsen von Stecker und Buchse jedoch keinen Winkel, sondern eine Gerade. Oder meint der Schreiberling, dass der Stecker zum Gehäuse des Gerätes einen geraden Winkel bilden soll, zum Beispiel von 90 Grad?! 90 ist eine gerade Zahl. 96 oder 84 wären aber auch gerade Zahlen! Wenn ich den Stecker in einem dieser von 90 Grad abweichenden geradzahligen Winkel in die Buchse stecke, macht das natürlich Schwierigkeiten. Und anschließend sind Buchse oder Stecker oder auch beide kaputt 🙁

Interessant ist auch die Aussage, dass die Ursache für Bild- oder Tonstörungen „verbogene Kontakte innerhalb des Steckers“ sind. Von den alten Scart-Steckern kenne ich das, nur dass die Kontakte dann nicht innerhalb des Steckers waren… 🙂 und wer beim HDMI-Stecker Kontakte verbiegen will, muss sich schon extrem ungeschickt anstellen.

Rätselhaft bleibt auf jeden Fall, wie der Schreiberling einen Stecker beim Ausstecken – also beim Herausziehen – in die Buchse einführen will. Das soll er uns allen doch mal vormachen. Wahrscheinlich kann er nicht einmal das.

Liebe DPA-Verantwortliche, passt auf diesen technischen Märchenerzähler besser auf oder schickt ihn nach China, wo er Bedienungsanleitungen für elektronische Geräte übersetzen kann. Ans Verfassen derselben wird man ihn wohl selbst dort nicht heranlassen.

Geschmolzenes

In der wöchentlich erscheinenden “Sonntag Aktuell” findet man immer wieder lustige Artikel. Auf Seite 5 der Ausgabe vom 26. Dezember 2010 beispielsweise die DPA-Meldung über einen Brand: “Feuerwehr hofft auf Schmelzwasser in Konstanz”. Thema: Die Feuerwehr kämpft gegen ein Glutnest unter den Trümmern eines Altstadthauses. Ein Sprecher der Feuerwehr teilt darin mit (Zitat): „Wir hoffen nun auf die Wetterlage und darauf, dass sich möglichst bald geschmolzenes Wasser einen Weg zum Glutnest bahnt“.

Ist es nicht genug, dass ein schönes altes Haus verloren ging? Jetzt sollte auch noch Wasser schmelzen! Was passiert, wenn Wasser schmilzt? Es ist doch schon flüssig. Wird es beim Schmelzen überflüssig? Oder hat die Feuerwehr Konstanz ein ganz neues Löschverfahren entwickelt?

Kalorien-Erniedrigung

In der wöchentlich erscheinenden „Sonntag Aktuell“ schreibt Michael Weier regelmäßig über sein Lieblingsgetränk: Wein. Auf Seite 7 der Ausgabe vom 16. Januar 2011 befand sich der nette Beitrag „Erniedrigung für ein Glas Wein“. Darin geht es neben dem Genuss auch um den Energiegehalt alkoholischer Getränke und dessen Auswirkungen. Zitat:

„Kalorien setzen sich in Form von Fett am Körper fest, sofern der Mensch durch Bewegung nicht mehr davon verbrennt, als er zu sich nimmt. Deshalb: Achtung! Wein hat mehr Kalorien als Bier! 0,33 Liter Pils etwa 140 Kilokalorien, 0,2 Liter schwerer Rotwein über 150 Kalorien.“

Abgesehen davon, dass

  1. die volkstümliche Kalorie zwar in aller Munde, aber veraltet ist,
  2. sie nach dem SI-Einheitensystem längst durch das Joule ersetzt wurde und
  3. Sonntag Aktuell keine wissenschaftliche Zeitschrift ist,

wissen wir natürlich alle, was er meint. Warum schreibt er es dann nicht? Hatte er schon zu viel von seinem Lieblingsgetränk verkostet? Nähten ihm die Kalorienmännchen nachts im Kleiderschrank den Kragen enger, so  dass das Gehirn beim Schreiben nicht richtig durchblutet wurde? Das weiß allein Michael Weier. Immerhin hat er gute Vorsätze gefasst und will sich vor den zwei Blondinen seiner Fitness-DVD erniedrigen. Dann dürfte auch sein Kragen wieder weiter genäht werden. 😉